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24.05.2018

Bispingen - Soltau - Wietzendorf - Müden (491 km)

Mir geht es gerade nicht so gut, meine Verdauung hat wahrscheinlich das ewige Essen in Restaurants satt, vielleicht bin ich aber auch solidarisch mit meinen Arbeitskollegen die in diesen Tagen wieder ein PI-Planning durchgeführt haben (Anm. Product Increment, d.h. in 2 Tagen werden ein paar hundert Personen in eine riesige Halle gesperrt und dort planen sie dann gemeinsam was in den nächsten 3 Monaten ge- und erarbeitet wird). In der Vergangenheit bin ich immer am Ende eines PI krank geworden, vielleicht halte ich mich einfach auch an den Takt und bin schon mal vorsorglich angeschlagen.

Nichtsdestotrotz bin ich weiterhin unterwegs, bin aber froh, habe ich genau jetzt kleinere Etappen vorgesehen.

Von Bispingen - wo die Kirche zugesperrt war, weil irgendjemand Schindluder betrieben hat - bin ich nach Soltau gewandert. Da es in der Pension abends nichts zu Essen gab, bin ich nochmals los in die Innenstadt. Diese ist zwar hübsch, aber doch recht übersichtlich.

Soltau.jpg
Innenstadt Soltau

Hochzeitsbrunnen_Soltau.jpg

Hochzeitsbrunnen Soltau

Die Nacht hätte zwar sehr angenehm sein können, da mein Zimmer direkt zum Park hin lag, aber eben, ich wollte ja lieber mehrmal aufstehen und zur Toilette rennen. Entsprechend gerädert bin ich am nächsten Tag auf. Ich habe mir kurz überlegt, ob es vielleicht auch einen Bus oder eine Verindung mit dem Heidesprinter gibt, aber das hätte Nochforschungen und Nachdenken bedingt und darum habe ich das gemacht, worin ich im Moment recht gut geübt bin: ich bin losgelaufen.

Nach einer recht kurzen Etappe bin ich dann in Wietzendorf eingetroffen, wo ich beim Eintitt ins Hotel mit einem harschen “Stopp” erst mal angehalten wurde. Als brave Wandersfrau bin ich natürlich auf einem Bein sofort stehen geblieben und habe zur Erklärung erhalten, dass sich eine Schwalbe in die Rezption verirrt hätte, was auf der einen Seite sehr gut wäre, denn sie frisste jetzt erst mal die ganzen Mücken, aber auf der anderen Seite ist es für die Schwalbe schwierig mit den ganzen Fenstern den Ausgang wieder zu finden.

Wietzendorf.jpg

Wietzendorf - ein Brunnen! Aber leider kein Trinkwasser…

HotelHartmann_Wietzendorf.jpg

Hotel Hartmann in Wietzendorf

Ich schleiche mich rein, bekomme unauffällig meinen Schlüssel und gehe erst mal schlafen. Also direkt nach der Dusche auf jeden Fall, denn meist bin ich unter der Kleidung dreckiger als drüber. Der Sand setzt sich überall ab, am saubersten ist noch der Rand unter den Socken.

Heute Morgen geht es mir tatsächlich besser und die Schwalbe hat den Ausgang auch gefunden.

Von Wietzendorf bin ich die kurze Strecke nach Müden gewandert und bin jetzt in der Jugendherberge.

siebenSchilder.jpg

Kreuzung mit sieben Strassen und sieben Wegweisern (im Hintergrund immer das wummern und knattern von Kanonen und Sturmgewehren. Aber dann ist es 12 Uhr und auf dem Truppenübungsgelände hat wohl der Krieg auch Mittagspause).

Hier gibt es mehrere Schulklassen mit Kindern im Primarschulalter, so 3. oder 4. Klasse schätze ich sie. Ich komme also in die Jugendherberge, wo mir sofort erklärt wird, dass der Kiosk geschlossen und erst um 17 Uhr wieder offen ist. Ich möchte aber nicht an den Kiosk, sondern an die Rezeption. Ein weiteres Mädchen fragt mich, ob ich hier der Chef bin, nein, das bin ich nicht. Sie erklärt mir, dass sie am Kiosk bereits ein Einhorn gekauft hätte, sie hätte auch schon etwas für ihre Schwester, bräuchte aber nun auch noch etwas für ihren Bruder. Ich sage ihr, dass sie dafür nach 17 Uhr nochmals vorbeikommen müssen, denn der Kiosk sei eben zu.

Ein Schild weist mich darauf hin, dass ich das Telefon in der Halle benutzen soll, wo ich intern und kostenfrei jemanden vom Personal erreichen könne. Das ist auch so, es kommt sofort jemand an die Rezeption und sofort sind wir von mehreren Kindern umschwärmt. Einer kniet auf dem Tisch neben der Rezeption, schaut uns an und sagt: ich möchte etwas kaufen!

Ich frage ihn, ob er denn nicht lieber mit seinen Kumpels spielen oder rumrennen möchte. Er: wir dürfen aber nicht rumrennen.

Na, ich meine ja auch nicht hier drinnen. Draussen ist doch super Wetter, warum spielt ihr nicht draussen. Ja eben, er möchte etwas kaufen.

Ich überlasse den Jungen dem Jugendherbergenmitarbeiter und mache mich auf den Weg das Zimmer, die Bettwäsche und etwas zu trinken zu suchen. Die ersten zwei Dinge waren rasch erledigt, beim dritten musste ich nur durch die Traube von Kindern schauen, die alle ihre Münzen in den Händen hatten und sich vor den beiden Automaten mit den Süssigkeiten und den Getränken tummelten. Tja, es zeigt sich eben schon früh, dass die Leute vieles lieber besitzen als Geld.

Wandern ist übrigens eine dufte Sache:

als ich weiter im Norden, so 490 km weiter im Norden, gestartet bin, hat mich die salzige Seeluft begleitet. In den Wäldern wurde diese dann durch den schweren, süssen Duft von Maiglöckchen oder dem duftenden, weissen Flieder abgelöst. Die Maiglöckchen sind nun auch schon fast verblüht und der Waldmeister mit seinem sehr feinen Duft macht sich bemerkbar. OFt lieben frisch geschlagene Bäume am Wegrand, jede Sorte hat ihren eigenen Duft. Ausserdem habe ich in Bispingen einen Akazienbaum riechen dürfen. Auf einem der Wanderwege umgibt mich auf einmal ein Duft von frischem Brot….ahhhh….nochmals richtig tief einatmen, aber ohoh, anstatt frisches Brot bekomme ich jetzt die volle Ladung Schweinejauche. Ich überlege, ob es mir schlecht werden soll, da wabert nochmals der Brotduft um mich herum. Ich unterlasse es tief einzuatmen, es könnte ja beim nächsten Windstoss wieder die Schweinejauche sein. Mein Nase ist feiner, empfänglicher geworden, einmal rieche ich etwas, wo ich mir nicht ganz klar bin, was es ist: blumig, süss, aber ich kann es nicht klar zuordnen. Einige Kurven später treffe ich auf zwei Spaziergänger, jetzt ist der Fall klar, es ist ihr Parfüm.

Wandern geht ausserdem auf die Ohren:

es knackt im Unterholz, ich dreh mich um und sehe zwei klitzekleine Rehkitze im Unterholz. Sie schauen mich an, als ob sie fragen wollten: was bist du denn? Entschliessen sich dann aber doch sich tiefer ins Unterholz aufzumachen und sich zu verstecken. An einer Kreuzung schaue ich aufs Navi, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Über mir zwitschert es aufgeregt. Kurz darauf kommt auch die Buntspecht-Mama und zwitschert mich an. Ich störe offensichtlich, bin sowieso auf dem richtigen Weg und mach mich deshalb weiter auf den Weg. Einmal knarrt und knurrt es. Ich dreh mich Ruckartig um überzeugt einen Wolf hinter mir zu haben, aber nein, es sind nur zwei Bäume, die im Wind aneinander reiben. Das Geräusch höre ich recht oft und meist beeile ich mich von da wegzukommen. Ich habe absolut kein Bedürfnis in der Nähe zu stehen, wenn ein Baum umfällt. Oder aber, es ist ein Eichhörnchen, dass schnell auf einen Baum kletter und mich von oben ankeckert, schnell noch einen Ast höher kletter und weiterkeckert. Es erinnert mich an eine Szene in Disneys die Hexe und der Zauberer (the sword in the stone). Knacken oder rascheln im Unterholz heisst immer, dass da ein Tier ist, ich bleibe jeweils stehen und versuche dem Geräusch auch ein Tier zuzuordnen.

trockenerWald.jpg

Trockener Wald - da kann man sich gut vorstellen, dass demnächst ein Baum umfällt.

Baum_Mueden.jpg

Den hats bereits böse erwischt…

Alles in allem bleibt wenig Raum um nachzudenken, die Sinne sind bereits vollauf mit anderen Dingen beschäftigt und das ist auch gut so…

Blenny - 13:29:07 @ E1, Wanderung | Kommentar hinzufügen

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