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13.05.2018

Ratzeburg - Mölln (285 km)

heute nur eine kurze Etappe, das ist auch gut so, denn gefühlt hat es hier 45 Grad und Sonne pur. Ich vermute mal, dass irgendwo noch ein Gewitter steckt, denn die Luft ist feucht und schwer.

Die Etappe selbst hat mich heute wieder an ein paar kleineren Seen vorbei und durch Wälder hindurch geführt. Anscheinend hat die Mückensaison nun doch begonne, denn ein stetiges Summen begleitet mich. Die Viecher sind defintiv intelligenter geworden, denn sie schwirren mir hauptsächlich im Genick herum, wo ich sie nur hören, aber nicht sehen und auch nicht erwischen kann. Da hilft auch das üppig aufgetragene Schutzmittel aus dem Tierbedarf nichts mehr (Zedane heisst es. Danke für den Tipp!), die Mücken sind hungrig und ich bin auf weiter Flur das einzige Opfer.

Hier noch ein paar Bilder:

Jugi_Ratzeburg.jpg
Jugendherberge in Ratzeburg. Zimmer sind einfach, sauber, funktioniell und günstig.

Moelln.jpg
Mölln - noch den Hügel runter und das Tagesziel ist erreicht.

Till_Eulenspiegel_Moelln.jpg
Till Eulenspiegel Stadt. Überall hat es Bilder, Statuen und es gibt auch noch ein Till Eulenspiegel Museum.

Dieses Bild habe ich mir aufgespart, denn es gibt auch noch eine Geschichte dazu. Wer Zeit hat und mag….

Lbeck_Herr.jpg

Ich habe im letzten Blog geschrieben, dass ich für Lübeck irgendwie nicht so richtig in Stimmung war, dass mir alles zu hektisch und zu laut vorkam. Ich bin also viel zu früh am ZOB, dem Lübecker Busbahnhof, kaue auf meinem Marzipanbrot und warte auf meinen Bus nach Ratzeburg. Da ruft mir der Herr auf dem Bild zu, ich solle ein Foto von ihm machen. Warum nicht? Denke ich und knipse. Er kommt lachend auf mich zu und meint: neeeein, das wäre doch nur ein Scherz gewesen. Wenn er ein Foto wolle, könne er selbst eines machen, er habe schliesslich eine Leica.

So hat er sich in ein Gespräch eingeklinkt, er setzt sich neben mich auf die Bank und beginnt munter drauf los zu snaken. Dabei habe ich die halbe Lebensgeschichte erfahren, dass er aus seiner Sippe der letzte sei, alle anderen sind gestorben, dass er auf seine Cousine aus Berlin wartet (möglich, muss aber nicht sein), dass die Menschen doch alle Lügen, dass er eigentlich als dem Teil von Deutschland stammt, das jetzt zu Polen gehört, dass er im Krieg verwundet wurde und im Elsass im Lazarett war. Auch in der Schweiz war er schon…in Davos. Alles sehr teuer da.

Irgendwann fragt er mich, ob ich beruflich hier sei? Nein, auf der Durchreise. Wo es denn hingehen soll? Heute nach Ratzeburg. Was denn das Ziel dieses jungen, hübschen Mädels sei (jaaa, er hat geflirtet)? Schweiz. Er schaut mich entsetzt an und meint, ob ich verheiratet wäre und was denn mein Mann dazu meinen würde. Ich sei ja totaaaaal bekloppt (jaaa, das bin ich, aber es gibt schlimmeres), das sei doch viel zu gefährlich für eine Frau ganz alleine.

Er hat mir dann noch eine Übernachtungsgelegenheit angeboten und wollte mir seine Visitenkarte geben. Dazu hat er seinen Geldbeutel hervorgenommen und minutenlang durchsucht, bis er mir seinen Schirm in die Finger drückt und murmelt: so ein Scheiss, da brauch ich mal eine Visitenkarte und dann hab ich keine mit. Bei der Gelegenheit komm ich nicht darum herum einen Blick in seinen Geldbeutel zu erhaschen. Dieser ist leer…..ich meine, so richtig leer! Mein Geldbeutel sieht nur so aus, wenn ich einen neuen kaufe und die ganze Werbung daraus entfernt habe. Der gute Mann hatte rein gar nichts mit dabei. Ein zweiter Griff bringt seinen Pass und eine Seniorenkarte (immer noch keine Visitenkarte) zum Vorschein. Er will mir unbedingt seine Adresse geben, damit ich mich mal melden und vorbei kommen könne, wenn ich mal wieder in Lübeck sei. Ich sehe mir den aus dem Ei gepellten Herrn nochmals genauer an und erkenne einen einsamen, älteren Menschen. Ich hoffe, ich täusche mich in meinem Urteil, ich hoffe, dass er an unserem Gespräch ein wenig Spass hatte und ich hoffe, dass er tatsächlich auf seine Cousine gewartet hat, die auch kommen würde.

Der Bus kommt, ich verabschiede mich, steige ein und wir fahren los. Zwei Stationen später wollen sei ältere Damen einsteigen. Das Ticket kostet 2.60 Euro, sie fragen nach, der Buschauffeur meint durchaus freundlich: bei mir kostet es eben 2.60 Euro. Er muss die Türe nochmals öffnen, die beiden Frauen steigen aus.

In Ratzeburg angekommen, laufe ich noch ein wenig durch die Strassen. Bin ein wenig unschlüssig, ob ich schon etwas Essen will, da spricht mich wieder ein älterer Herr an: ob ich ihn nach Hause bringen könnte? Meine spontane Reaktion war: nö, warum sollte ich das tun? Er meinte, er habe Geburtstag (er sagte übrigens, es wäre sein 50ster, von wegen älterer Herr) und viel zu viel gebechert und er schaffe es nicht mehr alleine, es seien nur noch 50 Meter, bis zu dem gelben Haus, da unten an der Strasse…Ich helfe ihm von der Bank auf und wir tappsen in kleinen, torkelnden Schrittchen bis zu seinem zu Haus. Unterwegs erzählt er mir seine Geschichte. Der Geldbeutel wurde ihm letzte Woche geklaut, alle Karten, alles Geld, alles weg, nun muss er nach Lübeck, aber ohne Geld kommt er da nicht hin (ich hab nicht gefragt, woher er das Geld hatte um bechern zu gehen). Als wir so die Strasse runtergehen, fallen mir auch die Geschäfte auf, Läden für soziale Einkäufe, Lebenshilfe und Brockenstuben wo sich Leute mit wenig Geld noch ein paar Möbel zusammenstellen können. Ich liefere den Mann an seiner Haustüre ab, er bedankt sich und meint, jetzt schaffe er es alleine. Ich gehe zurück zu meinem Ausgangspunkt und sehe, dass dort auf jeder der Bänke jeweils ein Mann sitzt, entweder in der Hand oder unter der Bank seinen Alkohol. Es macht mich nachdenklich und traurig…

Im Gegensatz dazu sehe ich in den grösseren Orten wie Kiel, Travemünde, Lübeck die vielen, vielen Menschen, die ihre freie Zeit damit verbringen, dass sie von Geschäft zu Geschäft spazieren und Dinge kaufen, die sie nicht benötigen um den Tag rumzubringen ohne, dass die Langeweile zu gross wird und dabei kleine Gehässigkeiten mit ihren Partnern austauschen. Schöne neue Welt…

Blenny - 13:59:22 @ E1, Wanderung, Philosophieren | 1 Kommentar